Frankreich macht mobil gegen Amazon

Lokale Geschäfte in Not

Tagesschau.de, Von Stefanie Markert, ARD-Studio Paris,  Stand: 22.11.2020

Wegen des Lockdowns haben in Frankreich alle Läden mit nicht lebensnotwendigen Waren zu. Davon profitiert vor allem Amazon. Viele im Land kämpfen mit Worten und Ideen für das Überleben der lokalen Geschäfte.

“Zwölf Euro das Huhn vom Bauernhof”, ruft ein junger Mann mit fettbespritzer Schürze. Es ist Wochenmarkt in Garches. Die Kleinstadt mit 18.000 Einwohnern liegt rund zehn Kilometer westlich von Paris. Auf dem Markt duftet es nach Brathühnchen. Trockenpflaumen aus Südfrankreich werden verkauft, Fisch, Obst, Gemüse.

Eine Dame mit Maske hält ein Schwätzchen. “Jetzt beginne ich immer mit den Weihnachtseinkäufen”, sagt sie. “Diesmal hab ich keine Lust. Schon gar nicht bei Amazon. Wir warten ab und hoffen, dass die kleinen Geschäfte bald wieder öffnen dürfen. Dann gehen wir alle dorthin.”

Kommune hilft Läden bei Online-Angeboten

Im Rathaus um die Ecke ist Jeanne Becart Bürgermeisterin. Wegen des zweiten Lockdowns musste in Garches noch kein Geschäft aufgeben, denn die Kommune hilft. “Wir nutzen die App ‘Meine Stadt, mein Shopping’. Es sind schon fast 30 unserer 70 Einzelhändler dort von uns kostenlos eingestellt worden mit Bekleidung, Schuhen oder Blumen. Es soll eine virtuelle Fußgängerzone zum Bummeln entstehen.”

Der elegante Deko-Laden unweit des Rathauses ist dabei. “Jeder präsentiert einen Teil seiner Waren. Die Stadt hat uns dafür sogar einen Fotografen gratis geschickt”, sagt Geschäftsführer Franck. “Die Seite ist attraktiv. Und wir haben schon darüber verkauft. Es scheint, die Einwohner von Garches machen mit. Sie nehmen am ‘Click & Collect’ teil, bestellen online und holen ihren Einkauf hier bei uns ab.”

Über die Palette am Eingang des geschlossenen Ladens in Gaches wird Kunden bei der Abholung ihre online bestellte Ware übergeben. | Bildquelle: Stefanie Markert

Franck hat eine Europalette quer in seinen Eingang gestellt und reicht einer Kundin ihre bestellte Mini-Glitzertanne heraus. Mehr als zwei Drittel der Franzosen wollen, dass ihr Laden um die Ecke im Internet erreichbar ist. Bislang macht Onlineshopping in Frankreich offiziell nur zehn Prozent des Einzelhandels aus, ein Fünftel davon geht an Amazon.

Rollte Macron Amazon der Roten Teppich aus?

Wegen des Lockdowns aber sind in Frankreich gerade “nicht lebensnotwendige” Geschäfte zu. Hat Präsident Emmanuel Macron dem Online-Riesen mit den Schließungen einen roten Teppich ausgerollt? “Vielleicht ist das nicht gleich ein roter Teppich für Amazon. Aber sie hätten es anders lösen können. Die Geschäfte auflassen – mit einer bestimmten Kundenanzahl im Geschäft. Und mit Hygienemaßnahmen. Die kostenlose Seite der Stadt hilft uns, die Verluste auszugleichen”, sagt Franck.

“Mästen wir Amazon nicht”, schaltete sich Frankreichs Kulturministerin ein. Und: “Stoppen wir Amazon, bevor es zu spät ist”, schrieben mehr als 120 Abgeordnete, Gewerkschafter, Aktivisten und Künstler in einem offenen Brief. Sie forderten eine Sondersteuer für den US-Versandhändler. Garches‘ Bürgermeisterin Becart schließt sich an: “Die zahlen doch keine richtigen Steuern, obwohl sie mit den Einkäufen der Franzosen wahnsinnige Summen verdienen”, sagt sie. “Unsere Händler aber bezahlen Steuern. Das ist eine große Ungerechtigkeit und da muss eine Lösung her.”

Jeder dritte Franzose kaufte bei Amazon ein

Frankreichs Föderation für Onlinehandel FEVAD legte Fakten vor. Von Mai bis August – nach dem ersten Lockdown – kauften 70 Prozent der Franzosen im Internet ein, die Hälfte davon bei Amazon. Anders gerechnet: Jeder dritte Franzose war auf der Plattform. Tägliche Klicks: rund sechs Millionen. Auf Platz zwei mit nur halb so vielen Besuchen der französische Online-Marktplatz Cdiscount.

Im Lockdown wurde und wird wieder mehr online gekauft. Aber die Bürger haben auch mehr Zeit, sich zu orientieren. Amazon bleibt Platzhirsch, aber mit einer kleinen Delle. Einzelhändler Franck warnt: “Wenn es nicht zu lange dauert, halten wir stand. Wenn es 2021 den nächsten Lockdown gibt, wird’s schwierig”, sagt er. “Am Jahresende machen wir den Hauptumsatz. Jetzt im November haben wir aber 50 Prozent Umsatzeinbruch. Wir können uns mit Amazon nicht messen, wir müssen mit anderen Waffen kämpfen.”

Scheckhefte als lokale Idee

Zum Beispiel mit einer guten Idee – wie die der Bürgermeisterin Becart: “Wir hatten ein großes Weihnachtsprogramm vor. Mit Kutschfahrten, Eislaufbahn, Weihnachtsmannfotos. Wir wollten nach einem schwierigen Jahr sagen, das liegt jetzt hinter uns”, sagt sie. “Aber wir stecken ja noch mittendrin. Alles fällt aus. Wir sind eine wohlhabende Stadt, aber wir haben auch bedürftige Menschen. Und nun nutzen wir das Geld und verschenken 1000 Scheckhefte. Mit den sechs Schecks à 10 Euro können sie dann in unseren kleinen Geschäften in Garches einkaufen.” Viele Franzosen haben sich genau das vorgenommen, für Weihnachten.

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