Der Ruf nach Grenzöffnung zu Frankreich wird lauter

Von Knut Krohn 21. April 2020 – 17:35 Uhr in der Stuttgarter Zeitung

Die Forderungen nach einer schnelleren Öffnung der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich nehmen an Deutlichkeit zu – auf beiden Seiten der Grenze. Manche finden im Alltag dafür schon kreative Lösungen.

Straßburg – Vom französischen Carling ins deutsche Lauterbach ist es ein Katzensprung. Viele Deutsche genießen diese Nähe und holen sich zum Frühstück gerne Baguette und Croissants aus der nahen Boulangerie. Doch damit ist im Moment Schluss. Wegen der Corona-Pandemie ist die Grenze geschlossen, weshalb die Bäckerei einen kleinen Bring-Service eingerichtet hat. Ein Anruf genügt und die Croissants werden am provisorischen Grenzzaun den Kunden übergeben.
Christophe Arend zählt gerne solche Beispiele deutsch-französischer Kreativität auf und ärgert sich gleichzeitig über die Grenzschließung. Der französische Abgeordnete aus Forbach bei Saarbrücken ist einer der Politiker, die dafür gekämpft haben, dass zumindest fünf der über 30 Übergänge in der Region für die vielen Tausend Pendler wieder geöffnet wurden. Er glaubt, dass sich manche Verantwortlichen vor allem im weit entfernen Berlin nicht vorstellen könnten, wie eng Deutschland und Frankreich in der Saar-Mosel-Region bereits zusammengewachsen sind. Und nennt diese Krise einen „Crashtest für Europa“.
Unverständlich ist für ihn auch, dass für die Übergänge wie in Lauterbach dieselben hohen Vorsichtsmaßnahmen gelten wie für die weit entfernte Region um die Stadt Mulhouse im Elsass, die sich zu Beginn der Pandemie zum Corona-Hotspot entwickelt hatte. Seine Forderung: „Da muss doch unbedingt differenziert werden.“
Dass wegen der geschlossenen Grenzübergänge ausgerechnet die 160 in Frankreich lebenden Mitarbeiter einer Klinik in Saarbrücken Umwege von bis zu 50 Kilometern fahren müssen, hält Christophe Arend für schlichtweg unvorstellbar. „Sie sind ja bereits durch den Kampf gegen das Coronavirus erschöpft“, sagt der Politiker, der die Partei La République en Marche von Präsident Emmanuel Macron vertritt. Auf nationaler Ebene habe man sehr gut zusammengearbeitet, betont Christophe Arend, was im Fall des saarländischen Innenministeriums nicht der Fall gewesen sei. Dort hätten die Verantwortlichen mit Macht auf die vollständige Schließung der Grenzen gedrängt.
„Ohne die gute Zusammenarbeit in der deutsch-französischen Parlamentarier-Versammlung wäre das alles nicht so gut abgelaufen“, sagt Arend. Er selbst ist Ko-Vorsitzender des Gremiums, das aus je 50 Abgeordneten beider Länder zusammengesetzt ist und durch den Aachener Freundschaftsvertrag vor einem Jahr entstanden ist. „Ich weiß immer, wen ich anrufen kann“, sagt der Franzose. In diesem Fall ist es in der Regel sein deutscher Kollege Andreas Jung. „Wir standen praktisch zu jeder Tages- und Nachtzeit in Kontakt“, sagt der CDU-Politiker, der zusammen mit den Vertretern von SPD, Grüne und FDP in der Parlamentarier-Versammlung für die Lockerung der Grenzschließungen eintritt. Ziel müsse es sein, Kontakte auf menschlicher und familiärer Ebene wieder zu ermöglichen, heißt es unisono.
Auf der Suche nach einer Lösung wird am Donnerstag der deutsch-französische Ausschuss für die grenzüberschreitende Zusammenarbeit per Video tagen. Das neu gegründete Gremium mit Vertretern der Regierungen und der Grenzregionen steht in der Corona-Krise nun direkt vor seiner Bewährungsprobe. Der französische Parlamentarier Christophe Arend ist überzeugt, dass die Corona-Pandemie allen vor Augen führt, dass das Denken in den alten Grenzen längst überholt ist. Seine Hoffnung: dass der europäische Gedanke gestärkt aus der Krise hervorgehen wird.

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