Immer mehr Migranten nehmen das Boot von Frankreich nach England

VON MARTIN FRANKE, Frankfurter Allgemeine  – AKTUALISIERT AM 09.08.2020-12:20

Ärmelkanal: Fast 4000 Migranten sind in diesem Jahr schon mit Booten über den Ärmelkanal nach Großbritannien gekommen – so viele wie in keinem ganzen Jahr zuvor. London fordert von Paris mehr Einsatz.

Die Zahl der Migranten, die sich mit einfachen Motor-Schlauchbooten über den Ärmelkanal nach Großbritannien aufmachen, hat deutlich zugenommen. Am Samstag griffen französische Patrouillenboote 33 Migranten auf. Zuvor waren allein am Donnerstag 235 Migranten in 17 Booten in Großbritannien angekommen. Laut BBC überquerten den Ärmelkanal in diesem Jahr schon knapp 4000 Menschen, so viele wie in keinem ganzen Jahr zuvor.

Das liegt auch an den derzeit vergleichsweise guten Bedingungen für die Überfahrten. Die See ist verhältnismäßig ruhig, das Wetter durch das Hochdruckgebiet über Westeuropa vorteilhaft. Zu anderen Jahreszeiten herrscht über der Passage meist Nebel. Starke Strömungen und der Verkehr bleiben aber gefährlich; der Ärmelkanal ist zudem eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstrecken der Welt.

In Großbritannien sorgt der Anstieg der Flüchtlingszahlen für Ärger. Großbritanniens Innenministerin Priti Patel schrieb auf Twitter, dass die Zahl der Überquerungen mit kleinen Booten „entsetzlich und inakzeptabel hoch“ sei. Frankreich und andere EU-Staaten seien sichere Länder, Flüchtlinge sollten dort ihren Asylantrag stellen. Sie werde alles daransetzen, dass diese Route unrentabel werde, schrieb Patel. Der französische Innenminister Gérald Darmanin versicherte am Samstag, dass die französischen Behörden „vollständig mobilisiert sind, um Abfahrten zu verhindern“.

Schon am Donnerstag hatte der Innenausschuss des britischen Unterhauses wegen des Anstiegs der Migration aus Frankreich eine Untersuchung eingeleitet. Unklar ist bislang, woher die vielen Boote stammen, mit denen die Migranten übersetzen. Am Samstag kündigte die Regierung in London zudem an, das Militär stärker gegen den Andrang einzubinden. Von Frankreich forderte der zuständige Staatssekretär Chris Philp am Samstag in einem Gastbeitrag im „Telegraph“, dass „Migranten, die bei dem Versuch erwischt werden, Großbritannien per Boot zu erreichen, das nicht wiederholen können“. Philp kündigte zudem an, dass alle Migranten, die es auf die Insel schafften, wieder zurückgeschickt würden. Am Sonntag meldete die Zeitung, dass Paris seinerseits London auffordern wolle, sich an Kosten in Höhe von 33 Millionen Euro zu beteiligen, die mit den vermehrten Marineeinsätzen verbunden seien.

Schlepper verlangen 2000 bis 3000 Euro

Frankreich und Großbritannien hatten im Juli eine gemeinsame Polizei-Spezialeinheit zur Bekämpfung von Schleppern beschlossen. Der Einheit sollen jeweils sechs britische und französische Polizisten angehören. Sie soll ihren Sitz in Coquelles nahe Calais haben. Die Menschenschmuggler verlangen für eine Überfahrt über den Ärmelkanal zwischen 2000 und 3000 Euro, wie Flüchtlinge einem Reporter von „Euronews“ vor einigen Monaten berichteten.

In den Ortschaften rund um Calais harren offenbar noch Hunderte Menschen aus, die auf ihre Überfahrt warten. Über Jahre nutzten Migranten auf ihrem Weg ins Vereinigte Königreich den Eurotunnel zwischen Folkstone und Calais, sie versteckten sich in Lastwagen und auf Fähren. Seit der Flüchtlingskrise 2015 wurden die Kontrollen in Calais mit Hilfe der Briten verschärft. In jüngster Zeit führten auch die mit der Corona-Krise verbundenen Reisebeschränkungen dazu, dass Schlepper sich zunehmend auf den Seeweg durch den Ärmelkanal konzentrieren. An der schmalsten Stelle zwischen dem Cap Gris-Nez und Dover ist er 34 Kilometer breit. Viele, die Frankreich zuletzt verließen, kamen aus dem Irak, dem Jemen, Ägypten, Sudan, Eritrea und Tschad, berichtete der Fernsehsender BBC.

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